Niederwaldstraße
Papierfabrik Einsiedel

Bereits im Meilenblatt von 1700 finden wir in der Waldstraße die “Untere Mühle”.
In den Jahren 1821/22 errichtete Christian Gottlob Eismann dann auf dem Grundstück der späteren Papierfabrik Einsiedel durch Neubau eine Baumwollspinnerei. Der unten rechts abgebildete Holzstich zeigt uns den Zustand derselben etwa um 1840.
 

Am 19. Mai 1871 gründeten sechs Aktionäre dann die hier behandelte Papierfabrik (Datum in anderer Quelle: 5. September 1871). Diese “Actiengesellschaft” gab 3.000 Aktien zu je 100 Talern heraus, das waren 2.400.000 Mark.
Die Aktionäre nutzten die Gunst der Stunde - soeben hatten sich durch die weitsichtige Politik Bismarcks 25 deutsche Einzelstaaten zum “Deutschen Reich” zusammengeschlossen. Man sah anlässlich des Friedensschlusses mit Frankreich der Zukunft freudig entgegen, erhoffte sich ein “Goldenes Zeitalter” für Industrie und Handel. Was nun kam, ging in die Geschichte als die sogenannte Gründerzeit ein.

Bereits 1868 verkaufte der damalige Lehnrichter Karl Funk (nach ihm wurde die “Funkstraße” benannt) sein daneben liegendes Grundstück. Darauf befanden sich mehrere Quellen, die ein vorzügliches Wasser lieferten. Dieses eisenfreie, chemisch reine Wasser eignete sich hervorragend für die Herstellung verschiedenster Papiersorten.
 




      Unten eine Luftbildaufnahme der Papierfabrik aus den 1920er Jahren.

 

Hintergrundwissen Gründerzeit:
Wir bezeichneten heute damit den Zeitabschnitt von 1871 bis etwa 1914. Es war in der Gesamtheit betrachtet eine wirtschaftliche Blütezeit in Deutschland.
Durch den verlorenen Krieg 1870/71 wurde Frankreich gezwungen, 4 Mrd. Mark Kontributionen an Deutschland zu zahlen. Dieses Geld, geschickt eingesetzt, half den Vorsprung zu anderen europäischen Nationen auf dem Gebiete der Industrialisierung aufzuholen. Somit ist der Beginn der Gründerzeit klar definiert, ihr Ende ist eher fließend und steht mit dem ersten Weltkrieg in engem Zusammenhang.
Auch lief dieser Zeitraum nicht problemlos und stets „boomend“ ab, ganz im Gegenteil. Bereits 1873 gab es den großen Gründerkrach. Die übervollen Lager und der gnadenlose Konkurrenzkampf ließen die Gewinne sinken.
Und wie kann es anders sein, die Aktienkurse rutschten mit ab. Die Produktion ging zurück, es kam zu umfangreichen Entlassungen und Lohnkürzungen, die Wirtschaft steckte in der Krise. Offenbarungseide, Selbstmorde und Familientragödien häuften sich.
In der nun folgenden Gründerkrise von 1873 bis 1876 gingen im Deutschen Reich 61 Banken, vier Eisenbahngesellschaften und über 100 Industrieunternehmen in Konkurs.
Der Staat griff wieder mehr in die Wirtschaftsabläufe ein. Nicht nur Deutschland, auch andere europäische Industrienationen, führten Schutzzölle auf ausländische Importe ein, um den eigenen Markt zu schützen. Mit dieser Abkehr vom Freihandel verabschiedete man sich vom Wirtschaftsliberalismus. Auch wurde das Preisniveau im Deutschen Reich durch die Zölle künstlich über dem des Weltmarktniveaus gehalten.
Man kann allerdings bei dieser Wirtschaftskrise nur von einer Stagnation und keiner Depression sprechen, da in dieser Zeit nur die in den vorhergehenden Jahren überhöhten Wachstumsraten ausgeglichen wurden.
Ab 1879 entwickelte sich die deutsche Wirtschaft gemessen an der Wertschöpfung in Industrie und Handwerk, am Kapitalstock und dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum wieder positiv.

Zurück zur Papierfabrik:
Im angelegten Mühlgraben leistete das Wasser der Zwönitz 33 PS für den Antrieb der Turbine, weiterhin sorgten zwei Dampfmaschinen für ausreichend Kraft. Man schrieb das Jahr 1872, die Wirtschaft boomte, und so beschloss man am 30. Juni, eine Gasanstalt zu bauen, um die Produktion ständig am Laufen halten zu können.
Die Fabrik fertigte Papiere von verschiedenster Güte, wie die nachstehenden Werbeofferten zeigen, links 1908, rechts 1926.
 

 

Die Postkarte rechts und das Foto darunter zeigen uns den ehemaligen Straßenverlauf zur Fabrik. In ganz groben Zügen geht heute hier die Hauptstraße nach Erfenschlag entlang. Im Vordergrund sehen wir die Anlagen der Gärtnerei Weniger.
Über den Bau der Entlastungsstraße und die völlige Umgestaltung des Areals berichtete ich bereits
an anderer Stelle.

Die Postkarte rechts lief am 3. März 1905, im gleichen Jahre lag die Zahl der beschäftigten Arbeiter bei 250.

 

Ein Kuriosum im Betriebsgelände war (angeblich) ein hölzernes Restaurationsgebäude, welches man, wenn es nicht gebraucht wurde, an eine andere Stelle rollen konnte! Im Untergeschoss gab es ein Restaurant mit sehr günstigen Lebensmitteln und im Obergeschoss Schlafgelasse, um den oftmals von weit her kommenden Arbeitern ein billiges Nachtquartier bieten zu können. Ein Wirt bewirtschaftete das Restaurant gegen Pachtzins.

Um ständig einen gleichmäßigen Vorrat an Wasserkraft zu haben, baute man einen großen Teich als eine Art Puffer ein, um unabhängig von der Jahreszeit produzieren zu können.
Das Foto rechts zeigt uns einen Teil des 2011 sanierten, heute aber viel kleineren Teich. Neben diesem Teich gab es innerhalb der Fabrik noch ein großes Bassin, welches angelegt wurde, um das sogenannte “Röhrwasser” zu sammeln. Das war nichts anderes als Wasser, welches aus in den Berg getriebenen Röhren hervortrat. Diese Röhren befanden sich auf der Seite, von welcher aus das unten stehende Foto aufgenommen wurde.
Der Zufluss war reichlich dimensioniert, pro Stunde konnten über 160 m³ Wasser entnommen werden. Das sicherte den Betrieb bei allen Witterungsverhältnissen.
(Foto: Haus & Grund Einsiedel)

 

 

 

Um 1900 herum betrug die Jahresproduktion etwa 3.000 Tonnen Papier. Einen Rückschlag musste die Fabrik im Jahre 1902 einstecken, ein Kurzschluss löste einen Großbrand aus, dem wertvolle Papiermaschinen zum Opfer fielen.
Hier sei angemerkt, dass das Unternehmen eine eigene Fabrikfeuerwehr unterhielt, welche den Brand in Zusammenarbeit mit freiwilliger- und Pflichtfeuerwehr löschte.

Das gesamte Areal der Papierfabrik war fast 3 Hektar groß und ein Eisenbahnanschluss, der etwa in Höhe “Am Hübel” in die Hauptstrecke mündete, war ebenfalls vorhanden.

 

Ungezählt sind auch die Postkartenmotive, auf denen die Papierfabrik abgebildet wurde.
Stellvertretend dafür rechts nun sechs Wechselbilder (6 sec.).


In den Jahren 1910/11 wurde die maschinelle Einrichtung einer kompletten Rekonstruktion unterzogen und eine Kläranlage modernster Art filterte von nun an die Abwässer. Im Buch “Chemnitz in Wort und Bild - Festschrift zur Einweihung des Neuen Rathauses” finden sich viele kurze Firmenpräsentationen aus Chemnitz und Umgegend, so auch von der Papierfabrik, welche ich nachfolgend wiedergeben möchte:Aus alten Schriften...

Die Chemnitzer Papierfabrik zu Einsiedel bei Chemnitz

 wurde im Jahre 1871 von einer Aktiengesellschaft gegründet und kam 1873, zunächst mit 2 Papiermaschinen, in Betrieb. 1885 erfolgte die Aufstellung einer 3. Papiermaschine.
   Die Fabrik besitzt eigene Reparatur-Werkstätten mit Zimmerei, sowie alle Einrichtungen zur Lumpenhalbstoff-, Strohstoff- und Holzstoff-Erzeugung; nur Holzzellstoff kann sie nicht selbst herstellen, sondern muß diesen Rohstoff von auswärts beziehen.
   30 Holländer, 4 Kollergänge und 1 Wurster bereiten den Ganzstoff für die Papiermaschinen vor, welche täglich über 20000 kg Papier erzeugen. 4 Kalander, 4 Querschneider, 1 Liniermaschine dienen zur Ausrüstung der Papiere.
   Es werden erzeugt: feine und feinste Hadernpapiere, sowie mittelfeine Papier, insbesondere: Kupferdruck- und Lichtdruckpapiere, Notenpapiere, feine Werkdruckpapiere, Post-, Schreib- und Bücherpapiere, Normalpapiere, Kunstdruck-Rohpapiere, Streich- und Deckenpapiere, ferner als neue Spezialität: Lichtpaus-Rohstoffe.
   In der Jahren 1910/1911 wurden verschiedene Um- und Neubauten ausgeführt, die ganze maschinelle Einrichtung einer durchgreifenden Rekonstruktion unterworfen, und eine neue Kraftanlage modernster Art erstellt: 3 große Cornwall-Kessel (zusammen 368 qm Heizfläche) mit Überhitzern und Ekonomiser liefern stündlich ca. 8000 kg Dampf für eine, von der Görlitzer Maschinenbau-Anstalt erbaute 1000 PS Dampfturbine mit Zwischendampf-Entnahme, mit direkt gekuppeltem elektrischen Generator von den Siemens-Schuckertwerken, welche die Kraft an 38 Elektromotoren verschiedenster Größen von 200-2 PS abgibt. Hierzu kommen 30 PS Wasserkraft. Überdies sind Kläranlagen neuester Systeme, sowohl für das Fabrikationswasser, als auch für die Abwässer der Fabrik errichtet worden.
   Das Werk beschäftigt 20 Beamte und 220 Arbeiter.
 

Die nebenstehende Karte lief am 29. Januar 1929. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise und die Einsiedler Papierfabrik (wie auch die anderen Einsiedler Firmen) bekam diese voll zu spüren.
Nach fast 60 Jahren ununterbrochener Produktion zeichnete sich nun das Ende ab. Ein drastischer Einbruch bei den Aufträgen ließ den Vorstand am 30. September 1930 die Produktion einstellen. Die beabsichtigte Liquidation der Fabrik wurde trotz Interventionen der Gemeinde Einsiedel und des Fabrikarbeiterverbandes (eine Art Gewerkschaft) durchgeführt. Fast 400 Männer und Frauen verloren ihren Arbeitsplatz.

Hintergrundwissen Weltwirtschaftskrise:
Diese die meisten Welthandelsstaaten berührende Wirtschaftskrise dauerte von 1929 bis 1933. Alles begann mit dem Zusammenbruch der Hausse-Spekulation an den Effektenbörsen in den USA. Ihre Ursachen sind besonders in der Umbildung der weltwirtschaftlichen Beziehungen nach dem 1. Weltkrieg zu suchen. Die Verknappung der Deckungsmittel durch das Horten von Gold in den USA führte zur Erschütterung vieler Währungen. Die Krise brachte heftige Preisstürze und führte in der Folge zu sehr zahlreichen Bankrotten und letztlich zu einer anhaltenden Schrumpfung der weltwirtschaftlichen Beziehungen.

 

 

Gebäude und Grundstück wurden an die “Allgemeine Deutsche Kreditanstalt Chemnitz” übertragen, die dann von 1931 bis 1938 Eigentümer des Areals war. Maschinen und Einrichtungen wurde zum Teil verkauft, z.B. erwarb die Gemeinde Gersdorf für ihre Feuerwehr 1932 eine Motorspritze mit kompletten Zubehör. Wir lesen in alten Notizen: “Aus den Beständen der aufgelösten Fabrikfeuerwehr der Chemnitzer Papierfabrik in Einsiedel erhält die 2. Kompanie eine Motorspritze mit Zubehör (6 Meter Saugschlauch, 140 Meter Druckschlauch, 6 Strahlrohre und andere Ausrüstungsgegenstände).”
E
ine weitere Papiermaschine aus der Konkursmasse kaufte die Firma “La Papelera Peruana” aus Chosica (Lima/Peru). Ich verweise an dieser Stelle auf den hochinteressanten Artikel von Ingobert Rost im “Einsiedler Anzeiger” vom Oktober 2013. Dort ist beschrieben und bebildert, wie vier ehemalige Arbeiter der Papierfabrik die Maschine in Peru wieder zur Papierherstellung brachten.

Das Grundstück selbst blieb in der ganzen Zeit weitgehend ungenutzt. Lediglich Abrissarbeiten wurden an mehreren Gebäuden durchgeführt. Diese Arbeiten wurden von einem freiwilligen Arbeitsdienst ausgeführt, ähnlich der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) wie wir sie aus den 1990er Jahren kennen. Das gewonnene Abrissmaterial  nutzte man als Unterbau für die 1937/38 errichtete Entlastungsstraße.

Höhepunkt dieser Abrissarbeiten war die Sprengung der Esse am 18. Mai 1939 (Himmelfahrtstag), was von unzähligen Schaulustigen beobachtet wurde.
Die Esse hatte schon einige Jahre zuvor die Gemüter der politischen Gegner in Einsiedel aufgewühlt. In der Nacht zum 1. Mai 1933 hatte Michael Müller, Mitglied des Rotfrontkämpferbundes, eine Rote Fahne an der Essenkrone angebracht. Damit diese recht lange dort verblieb und um der SA die Beseitigung zu erschweren, hatte man die Steigeisen mit Schmierseife eingerieben, so dass die Fahne mehrer Tage in dieser exponierten Lage zu sehen war...

Hier endet nun die Geschichte der “Chemnitzer Papierfabrik zu Einsiedel”. Selbstverständlich nahm die Nutzung des Areals ihren Fortgang. Doch das sind andere Abschnitte, andere Geschichten, die ich später einmal auf separaten Seiten publizieren will.
 


Der Vollständigkeit halber und um einen Lückenschluss in unsere heutige Zeit zu vollführen, hier die weitere Nutzung in ganz groben Zügen:
1938 veräußerte die “Allgemeine Deutsche Kreditanstalt Chemnitz” Gebäude und Grundstück an die “Deutsche Wehrmacht”, die hier ein Heeresversorgungslager etablierte.
1942 mietete sich dann dort die kriegswichtige Firma Pfauter ein, die unter anderen Differentialgetriebe für Räderfräsmaschinen produzierte.
1945 wurden große Teile der Fabrik zerstört. Viele Einsiedler und Erfenschlager fanden während des Bombardements Unterschlupf in einem Stollen und waren somit dem alliierten Bombenterror nicht schutzlos ausgeliefert. Der Stollen war mit zwei Eingängen und Querschlag in den Berg hinter der Fabrik getrieben worden, die Größenangaben zu diesem variieren.

In dem verbliebenen und von den Bomben verschonten Restgebäude etabliert nach dem Krieg der “VEB Großdrehmaschinenbau 8. Mai Karl-Marx-Stadt” eine Betriebsberufsschule, die selbstverständlich die Wendewirren nicht überstand.
Das Foto oben links zeigt die verbliebenen Restgebäude 1955, daneben der Haltepunkt für die Berufsschule vis-á-vis der Hauptstraße um 1980.
Fotos: links Wolfgang Röhr, rechts Haus & Grund Einsiedel

Nach der Wende wurde das Werksgebäude saniert und eine kleines Gewerbe-Zentrum entstand hier. Freilich mit allen Stärken und Schwächen unserer Zeit, mit teilweisem Leerstand und wechselnden Mietern.
Das Pförtner-Häuschen auf dem Foto oben links (als Bistro genutzt), steht übrigens unter Denkmalschutz.

 

In dem nahe dem Teich liegenden Areal baute der Landkreis Stollberg
(...zu dem Einsiedel zum Zeitpunkt gehörte) ein behindertengerechtes Gymnasium, 2001 bis 02 ergänzte die Stadt Chemnitz dieses noch mit einer neuen Turnhalle.

Alle Fotos vom 9. Oktober 2005.

Gymnasium Einsiedel

 

 

 

 

 

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